Allgemeine Einführung

Therapeutische Übungen unter Zuhilfenahme von einem oder mehreren leeren Stühlen gibt es in Ansätzen bereits seit den 1950iger Jahren. Jacob Moreno (Psychodrama) und Fritz Perls (Gestalttherapie) waren Pioniere bei dieser Art der emotionsfokussierten Arbeit mit ihren Klienten. Bei Stuhlübungen im modernen Sinn, die heutzutage häufig innerhalb des theoretischen Rahmens der Verhaltenstherapie verwendet werden, arbeitet der Therapeut mit ein bis vier Zusatzstühlen. Der Klient erlebt durch die Veränderungen seiner Position im Raum und die Zuweisung bestimmter Erlebnisweisen an die Stühle verschiedene innere Zustände. Er äußert sich vielleicht im therapeutisch angeleiteten Monolog (»Die Zeitreise«) mit nur einem Zusatzstuhl oder auch auf zwei oder mehr Stühlen im Dialog mit imaginierten Gesprächspartnern (»Loslösungen: Abschied von den Eltern oder Klärung mit einer (früheren) Bezugsperson«) oder imaginierten inneren Anteilen (»Selbstumgang verbessern: Gespräch mit dem inneren Kritiker, Saboteur oder Antreiber«). Dabei nimmt der Therapeut oder die Therapeutin häufig moderierende Funktion ein, und manchmal spielt er oder sie auch selbst mit.

Stuhlübungen erfüllen die verschiedensten Funktionen in Psychotherapie und Beratung. Hier seien nur einige benannt:

Stuhlübungen stellen – trotz ihrer scheinbaren Einfachheit – häufig sehr kraftvolle Interventionen dar, die nur von erfahrenen Therapeutinnen / Therapeuten oder Beraterinnen / Beratern verwendet werden sollten. Eine Aufarbeitung nach der betreffenden Sitzung, häufig in Form einer schriftlichen Auseinandersetzung mit dem Erlebten, wird für die meisten dieser Übungen empfohlen. Sie finden im Buch hierzu detaillierte Anregungen.

Klinische Anwendung
Video 1: »Gespräch mit dem inneren Kritiker«

Für diese häufig anzutreffende Stuhlübung haben sich einige Grundregeln bewährt, welche die Integration dieses eher mächtigen Anteils einer Person ermöglichen. Auf keinen Fall sollte der »innere Kritiker«, wie manchmal auf Lehrvideos zu sehen, beschimpft und als sehr unerwünscht abgespalten werden. Im Gegenteil – die Übung kann erst als erfolgreich gelten, wenn die Härte des Kritikers einer differenzierteren Sicht der relevanten Themen beim Klienten weicht und eine neue Form der Erfüllung der Absichten des Kritikers gefunden wurde, denn im Kern sind die Absichten des Kritikers grundsätzlich positiv, auch wenn die Mittel, wie Herabwürdigung des Klienten oder harsche Kritik, abzulehnen sind.

Das Video zeigt nur eine kurze Sequenz einer nachgestellten Therapiesituation; die gesamte Übung darf durchaus 20 bis 30 Minuten dauern. Generell sollten folgende Schritte in dieser Stuhlübung nicht fehlen:

1. Einführung des Ausdrucks »innerer Kritiker« oder »innerer Antreiber«, ggf. auch »innerer Saboteur«, im therapeutischen Gespräch und Validierung durch den Klienten.

2. Die Therapeutin führt die Trennung der inneren Zustände auf den zusätzlich aufgestellten Stühlen ein – die Position auf dem Stuhl des »inneren Kritikers« darf ausschließlich für dessen Äußerungen verwendet werden.

3. Zuerst spielt die Klientin ihren eigenen inneren Kritiker auf einem zusätzlichen Stuhl, während die Therapeutin auf einem anderen Stuhl in die Rolle der Klientin als Gesamtperson schlüpft und dem Kritiker allgemeine Stichworte gibt, wie: »Lieber Kritiker, Du könntest mich langsam in Ruhe lassen – ich will jetzt wirklich gesund werden«. Dies ermöglicht dem »Kritiker«, sich gezielt zu äußern, warum er nun gerade DAS nicht tun wird. Viele Klienten äußern sich in der Nachbesprechung erstaunt über die Intensität und Aggressivität dieser inneren Stimme.

Der Therapeut fragt auch Dinge wie »Wie alt bist Du eigentlich, Kritiker?« Häufig ist das gefühlte Alter dieser inneren Stimme sehr jugendlich. Sehr wichtige Frage: »Was möchtest Du denn für mich erreichen? Warum kritisierst Du mich eigentlich so viel und so harsch?« Hier muss die positive Funktion dieser inneren Stimme herausgearbeitet werden – zu irgendeinem Zeitpunkt in der Vergangenheit erschien diese Art des Selbstumgangs sinnvoll und adaptiv. Meistens handelt es sich bei diesen positiven Absichten des Kritikers um den Schutz des Klienten vor Kritik von außen und die Förderung seiner Leistungsfähigkeit. Diese positiven Kernfunktionen stellen die Basis für die Integration dieses Anteils dar.

4. Rollentausch durch Stuhlwechsel – die Therapeutin hat nach einiger Zeit in der ersten Position genügend Material, um nun selbst den Kritiker zu spielen. Der Klient muss sich nun vom Kritiker in gesunder Weise abgrenzen, was die Therapeutin ihm aber nicht allzu leicht machen sollte. Manche Klienten versuchen, den Kritiker einfach loszuwerden, was jedoch nicht erlaubt werden kann – es ist einfach nicht realistisch, eine solch mächtige Stimme wirklich auszumerzen. Sie muss vielmehr verstanden und integriert werden, indem die ihr eigene Energie für andere Aufgaben verwendet wird.

5. Erst wenn genügend plausible Gegenargumente vom Klienten in seiner gesunden Rolle kommen, gibt die Therapeutin in der Rolle des »Kritikers« langsam nach und gesteht ein, dass er wohl doch zu harsch war. Gemeinsam wird nun die neue Aufgabe dieses inneren Anteils verhandelt – die positiven Funktionen liegen ja sowohl im Interesse des Kritikers als auch des gesunden Klienten, nur müssen die Mittel jetzt adaptiv gewählt werden. Der Kritiker bekommt beispielsweise den Titel »Beschützer der Leistungsfähigkeit«, und inhaltlich lernt er, dass hierzu auch Pausengestaltung und Lob für Erreichtes sowie der Abbau von Perfektionismus gehören.

6. Wenn diese neue Zusammenarbeit plausibel erarbeitet wurde, kann die Übung offziell beendet werden, z. B. mit Handschlag.

7. Eine schriftliche Aufarbeitung der gemeinsam erarbeiteten Punkte oder andere handlungsorientierte Hausaufgaben (ein Telefonat, ein Brief etc.) werden sehr dringend empfohlen, damit diese intensive, manchmal auch humorvolle Übung nicht einfach ein interessantes Therapieerlebnis bleibt, dessen Wirkung bald verpufft.

Klinische Anwendung
Video 2: »Der Als-ob-Stuhl«

Diese einfache, aber wirksame Stuhlübung kann verwendet werden, wenn der Klient zwar bereits Fortschritte gemacht und neue Strategien zur Bewältigung seiner Probleme erarbeitet hat, aber trotzdem noch Zweifel äußert an seinen eigenen Möglichkeiten, das Erarbeitete auch im Alltag umzusetzen. Gefühlslagen von exzessiver Unsicherheit, Selbstzweifeln und unbegründetem Pessimismus können durch die Einführung eines Ressourcenstuhls gezielt behandelt werden. Im klinischen Bereich wird die Übung insbesondere von Menschen auf dem Weg aus einer Depression oder auch bei der Bearbeitung gewisser Persönlichkeitsakzentuierungen (z. B. selbstunsicher, dependent, zwanghaft) gut aufgenommen.

Es wird nur ein zusätzlicher Stuhl benötigt, der einen fiktiven zukünftigen Zustand symbolisiert, wo der Klient seine gesamte Problematik überwunden hat. Der Therapeut leitet die Übung sorgfältig an: »Frau J., wenn Sie sich gleich auf diesen Stuhl setzen, dann möchte ich Sie bitten sich vorzustellen, dass Ihre Depression vollständig überwunden ist. Ich werde Sie mit ein paar Fragen dazu auffordern, sich das Leben wieder völlig ohne dieses Leid der Depression vorzustellen und zu spüren, was sich alles positiv verändern wird.« Der Therapeut oder die Therapeutin achtet im Verlauf sorgfältig darauf, dass sich bei den Verbalisationen des Klienten keine negativen, pessimistischen Töne einschleichen, um das Erleben der eigenen Ressourcen möglichst intensiv zu gestalten. Es ist günstig, wenn die Klientin selbst immer das Präsens verwendet, also wenn sie tatsächlich »so tut als ob«, aber die Übung funktioniert auch, wenn dies nicht durchgehend gelingen sollte. Die typische Dauer dieser Stuhlübung beträgt 10 bis 15 Minuten.

Die wichtigsten Lebensbereiche der Patientin sollten im Verlauf der Übung zur Sprache kommen. Einige mögliche Fragen, mit denen der Therapeut diese Übung moderieren kann:

Die Nachbesprechung beginnt, sobald der Klient oder die Klientin auf den regulären Therapiestuhl zurückkehrt, und sollte möglichst noch in derselben Sitzung stattfinden. Nachdem der Therapeut den Klienten bzw. die Klientin zum Verlauf der Übung ausführlich befragt hat, äußert er auch selbst seine Wahrnehmungen. Als Hausaufgabe könnte man eine schriftliche Fixierung der wichtigsten Inhalte vorschlagen, insbesondere, wenn während der Übung neues, ressourcenorientiertes Material gemeinsam erarbeitet wurde.

Falls ein Klient oder Patient zu häufig ins Negative gerät während der Übung, zeigt dies ein noch schwaches Ressourcenbewusstsein – ein solcher Verlauf stellt eine Aufforderung zu gezielter Arbeit an den aktiven Möglichkeiten dieses Menschen dar, sein Leben positiv und zufriedenstellend zu gestalten. Wenn der Klient nach einigen weiteren Sitzungen dieses Zutrauen in seine Fähigkeiten gewonnen hat, sollte die Übung mit dem Als-ob-Stuhl wiederholt werden, um das Erarbeitete zu festigen und vor allem den Eindruck des Scheiterns, der möglicherweise in der ersten Übung entstanden war, zu beseitigen.

© 2019 Susanne Hedlund

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